Vorgestellt: Ergo vivamus - verstehst'e?" aus Brandenburg

Was unterscheidet die Sprache Georg Büchners von der Sprache der Schülerinnen und Schüler im Jahr 2016. Damit beschäftigen sich die Mitglieder des Theaterkurses am Voltairegymnasium Potsdam. Sie haben sich sich dem Büchnertext "Leonce und Lena" ausgesetzt. Ihre Ergebnisse präsentieren sie am Freitag, aber sie lassen uns im Interview an ihrer Arbeit teilhaben. Aber vorher kommt noch einmal die Jury zu Wort: "Der Theaterkurs spielt  das Stück „Leonce und Lena“ von Georg Büchner, in dem der Prinz Leonce und die Prinzessin Lena einer Zwangsehe durch die königlichen Väter entfliehen. Sie begegnen einander, verlieben sich und heiraten schließlich ohne Wissen um die Herkunft des anderen. Die Inszenierung stellt den Sprachwitz des Originals in Kontrast zur heutigen Alltagssprache. Es wird deutlich, dass sich die Wahrnehmung des gesprochenen Wortes durch die Verfremdung des Textes verändert und wir angeregt werden, über das Potenzial von Sprache nachzudenken. Die Spielerinnen und Spieler überzeugen durch ihr konzentriertes Spiel, den sicheren Umgang mit Sprache und beindruckender  Bühnenpräsenz."

Es haben uns verschiedene Schülerinnen und Schüler geantwortet, jede neue Antwort beginnt mit "...".

In wieweit habt ihr euch dabei an Georg Büchners Vorlage gehalten und warum war es für euch wichtig, daran auch einiges zu verändern?

...Für unser Stück „Ergo Vivamus-Verstehst ́e“ haben wir uns die Sprache als Schwerpunkt gesetzt, wir wollten uns besonders mit der Sprache auseinandersetzen, um die Unterschiede von alter und neuer Sprache zu erkennen. Um dies in unserer Produkion zu zeigen, haben wir unsere Hauptrollen: König Peter, Leonce, Lena, und den Bediensteten Valerio doppelt besetzt - jeweils einen, der die alte Sprache beherrscht und einen der Neudeutsch spricht. Durch die Änderungen, die wir an den Texten vorgenommen haben, aber auch Fragen, die während Proben aufgekommen sind, mussten wir der Vorlage Büchners häufig erst einmal auf den Grund gehen. Dies bedeutet, einzelne Wörter, da diese heute nicht mehr im regulären Gebrauch sind, und die Aussage des Sprechanteils verschiedener Figuren zu verstehen. Durch die intensive Arbeit mit den Texten ist es uns dann gelungen, uns mit den Figuren richtig zu identifizieren und sie dann auch überzeugend zu spielen.

...Als zum ersten Mal die Stückidee ‘‘Leonce und Lena‘‘ in den Raum gestreut wurde, waren die meisten von uns sehr skeptisch, ob ein so altmodisches Stück wirklich das richtige sei.
Schnell wurde uns klar, dass wir, sollten wir dieses Stück wählen, etliches verändern müssten. Daraus entstand die Idee der doppelten Rollenbesetzung, die sich durch die unterschiedlichen Sprachstile unterscheidet. Die altmodische Figur behält die alte Sprache bei und die neumodische nicht.
Durch diese Veränderungen wurde unser Stück zu etwas Besonderem.

...Die Grundidee, durch eine List finden zwei Menschen zueinander, welche bereits durch ihre Eltern füreinander bestimmt waren, haben wir behalten. Die Sprache entsprach nicht den heutigen Standards und missfiel uns. Zudem waren wir uns als Gruppe einig, ein Stück zu entwerfen, welches mit Sprache spielt. Die Idee dazu: Indem wir die Hauptcharaktere klonen, besitzen wir die Möglichkeit, ein modernes und ein barockes Individuum zu schaffen, welche die gleichen Empfindungen spüren, diese jedoch mit unterschiedlichem Vokabular äußern. An den Reden des fast barocken Leonce, Valerio und der fast barocken Lena veränderten wir nur Kleinigkeiten, während in den Redeanteilen des modernen Leonce, Valerio und der modernen Lena andere Worte zu finden sind, um den Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Wir geben damit jungen und älteren Zuschauern die Möglichkeit, mit unsern Charakteren zu lachen, zu weinen und zu lieben und dabei können sie selbst entscheiden, welche Variante ihnen mehr zusagt.

...Wir haben uns insofern an Büchners Vorlage gehalten, als dass wir das Grundgerüst der Geschichte, beziehungsweise die Grundidee, behalten haben. Die Idee von der Prinzessin sowie dem Prinzen, beide auf der Suche nach Liebe und schlussendlich dem Schicksal zufällig erlegen, gefiel uns sehr gut. Wir haben sie dann jedoch noch ein wenig aufgefrischt, um in die etwas altmodische Geschichte neuen Wind reinzubringen. Die Änderung von Sprache war wichtig, damit es nicht zu langweilig wird und unser Stück nicht nur als altes, nachgespieltes Stück gilt. Außerdem passte dies perfekt auf unsere Idee der Doppelbesetzung der Personen, denn somit konnten wir die alte Person mit der alten, und die moderne Person mit der neuen Sprache verknüpfen.

Warum braucht Ihr Sprache im Theater? Warum braucht ihr sie nicht? Welche Sprache braucht ihr?

...Um zu kommunizieren, ist nicht die gesprochene Sprache notwendig. Appelle können auch durch Körpersprache also Mimik und Gestik vermittelt werden. Warum brauchen wir sie nicht? Es ist machbar, nicht alle diese Mittel im Theater zu verwenden beispielsweise beim stummen Theater. Doch fällt wie bei diesem Beispiel die gesprochene Sprache weg, wird mit der Körpersprache um so mehr gearbeitet. Die Sprache ist im Theater daher wichtig, da sie dem Zuschauer vermittelt, was für eine Person man spielt. Ist man alt oder jung, krank oder fit und in welcher Stimmungslage man sich befindet. Durch diese Auseinandersetzung mit den verschiedensten Möglichkeiten, Sprache zu verwenden, kann es dem Publikum gelingen, sich in die Figur hineinzuversetzen, mitzufühlen und sie zu verstehen.

...Unsere Neuinszenierung von Leonce und Lena braucht Sprache unbedingt, da der sprachliche Kontrast die Szenen belebt. Der Zuschauer kann für sich selbst entscheiden, welchen Sprachstil er bevorzugt und inwiefern beispielweise ein Gefühlsausbruch sich besser oder schlechter ausdrücken lässt.

...Sprache ist nicht gleich Sprache. Es gibt einige Möglichkeiten, durch Sprache zu kommunizieren. Diese ist wichtig, um die eigenen Gedanken mit dem Zuschauer zu teilen, sei es mit Gesten, Worten, Lauten oder durch Geräusche und Musik. Ohne Sprache wäre jeder einzelne Mensch mit seinen Gedanken allein, das jedoch ist verheerend, denn neben Nahrung und Erholung, benötigt der Mensch Reize durch seinesgleichen, damit er physisch und psychisch gesund bleibt.  Die Darsteller im Theater möchten den Zuschauern eine Botschaft, eine Geschichte oder ihre Gedanken mitteilen, dafür sind Zuschauer gekommen. Sie möchten einem Geschehen beiwohnen, welches zur Übermittlung eine beliebige Sprache benötigt. Sprachen brauchen wir nicht, wenn wir mit uns allein bleiben wollen und als Einzelgänger überleben. Als Gruppe benötigen wir die Körpersprache, die Sprache in Worten, möglichst mit derselben Bedeutung. Und auch Musik und Geräusche sind Sprache, denn sie verändern sich mit ihrer Information. Sprache ist ein Mittel der Kommunikation und laut Paul Watzslawick kommunizieren wie nie nicht.

...Unsere Neuinszenierung von Leonce und Lena braucht Sprache unbedingt, da der  sprachliche Kontrast die Szenen belebt. Der Zuschauer kann für sich selbst entscheiden welchen Sprachstiel er bevorzugt und inwiefern beispielweise ein Gefühlsausbruch sich besser oder schlechter ausdrücken lässt.

...Sprache im Theater ist meiner Ansicht nach nötig, wenn die Geschichte detailliert erzählt werden soll. Natürlich ist sie auch humoristisches Mittel. Das Fehlen der Sprache lässt einen jedoch den Fokus auf das körperlich gespielte Geschehen richten, was die Intensität der Szene steigert.

...Sprache ist ein wichtiges Element im Theater, da man mit Wörtern sehr viel ausdrücken kann. Auch wenn gerade z.B. nichts auf der Bühne passiert, können Wörter im völligen Dunkel auf das Publikum wirken. Anhand von Sprache kann man auch viel erkennen: z.B. wie in unserem Stück, die Modernität des Stückes.

...Jedoch können auch Emotionen und Musik erstaunlich viel auf der Bühne preisgeben und erzählen, sodass nicht immer Sprache benötigt wird. Andererseits ist auch die Körpersprache eine Form der Sprache.

...Es braucht Sprache
-zur eindeutigeren Kommunikation mit den anderen Schauspielenden sowie dem Publikum ist gesprochene Sprache sinnvoll.

-gesprochene Sprache ist die seit jeher tradierte Form in Bühnenstücken und erfordert in der Regel nicht viel Interpretation durch Zuschauende.
-gesprochene Passagen in einem Textbuch erlernen die Darstellenden oft schneller, folglich ist der Zeitaufwand in der Regel geringer als beim Erlernen/Üben von Choreografien.
Es braucht sie nicht,
-weil starke Bilder oft genau das gleiche (oder es sogar besser) ausdrücken können als die Sprache.
-weil das Bild in der Entwicklung vor der Sprache steht und es eine Grundlage für die Fähigkeit des Sprechens bildet.
-weil Bilder die schöne Kunst des Theaters von anderen (beispielsweise dem Kreativen Schreiben) unterscheiden.

Wie bereitet ihr euch als Gruppe auf die Woche in Erfurt vor?

...Für die Zeit in Erfurt haben wir uns als Gruppe nochmal intensiv an unser Stück gesetzt und einige Änderungen choreografisch aber auch sprachlich vorgenommen. Das Choreografische war uns wichtig, um noch mehr Bewegung in das Stück zu bringen, so dass nicht nur durch unser Spiel mit der Sprache sondern auch mit der körperlichen Begegnung der Figuren die Aufmerksamkeit der Zuschauer angeregt wird. An den Texten in unserem Stück haben wir noch ein wenig gefeilt um den unterschied der neuen und der alten Sprache noch mehr zu unterstreichen.

...Wir als Kurs haben untereinander schon viele Gespräche über die Zeit in Erfurt geführt. Wir sind durch unsere Kursfahrt und die vielen Stunden, die wir miteinander verbracht haben, ein gutes Team geworden und freuen uns auf die spannende und aufregende Zeit in Erfurt.

...Als Gruppe versuchen wir unser Stück zu verbessern und die einzelnen Rollen aufzuwerten, indem wir Textstellen überarbeitet haben und auch die Choreographie spannender zu gestalten.

...Was die letzte Frage betrifft bin ich nicht ganz sicher was für eine Antwort von mir Erwartet wird. Ich nehme an Wir haben viel geprobt?

Dann freuen wir uns, euch morgen zu treffen. Danke für die Antworten.

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