Idee

Das Schultheater der Länder (SDL) – historische Entwicklung und strukturelle Aspekte

Das „Schultheater der Länder“ (SDL) ist europaweit eines der größten Festivals im Bereich des Theaters in der Schule. Es ist ein Arbeitstreffen für und mit Schultheatergruppen aus ganz Deutschland, das im jährlichen Wechsel in einem anderen Bundesland stattfindet und sich in jedem Jahr einem anderen Themenschwerpunkt widmet. Begleitet wird das SDL stets von einem auf das jeweilige Thema bezogenen Rahmenprogramm mit Aufführungsgesprächen, Werkstätten und Festivalberichten.

Im Mittelpunkt steht hier eine wissenschaftlich hochkarätig besetzte Fachtagung, deren Ergebnisse in Form von theatertheoretischen, didaktischen und methodischen Leitartikeln neben exemplarischen Stückbesprechungen und praktischen Spielvorlagen Eingang in die ausführliche, schriftliche Dokumentation des Festivals finden. Ziel des SDL ist die differenzierte Weiterentwicklung des Faches Theater in Theorie und Praxis sowie dessen Verankerung in allen allgemeinbildenden Schulen der Bundesrepublik. Damit unterstreicht das SDL nicht nur die Bedeutung des Theaters für die Kulturelle Bildung, sondern setzt auch entscheidende Impulse zur Stärkung der Position und Qualität der ästhetisch-kreativen Fächer im Allgemeinen.

Geschichte

Die inzwischen fast dreißigjährige Geschichte des SDL (vgl. Kaick & Reiss 2000) geht zurück auf eine Initiative der Bundesarbeitsgemeinschaft für das Darstellende Spiel in der Schule e.V. – dem heutigen Bundesverband Theater in Schulen e.V. (BV TS). Im Jahr 1984 wurde von Seiten des Verbandes die Idee eines bundesweiten Schultheaterfestivals an die im Theaterbereich engagierte Körber Stiftung in Hamburg herangetragen. Nachdem die Stiftung ihr Interesse an diesem Projekt bekundet hatte, wurde mit sachkundiger Unterstützung des Hamburger Amtes für Schule noch im selben Jahr ein Norddeutsches Schultheatertreffen am Rande der Hamburger Schulspieltage organisiert, desse inhaltliche und organisatorische Struktur zuvor im gemeinsamen Dialog der beteiligten Partner entwickelt worden war. Dank der guten Zusammenarbeit aller Projektpartner konnte bereits im September des darauf folgenden Jahres das erste „wirkliche“ Schultheater der Länder mit Beteiligung aller (damals elf) Bundesländer unter dem Titel „Schultheater und freies Theater“ auf Kampnagel in Hamburg stattfinden.

Neben den Aufführungen der eingeladenen Gruppen bildeten bereits damals Fachgespräche und Werkstätten einen wichtigen Bestandteil der neu entstehenden Festivalstruktur, die in den folgenden Jahren weiter ausgebaut wurde. Im Jahr 1991 konnte beispielsweise erstmals eine Gruppe aus den neuen Bundesländern auf dem SDL begrüßt werden. Seit 1994 sind alle fünf neuen Bundesländer fester Bestandteil des Festivals. Ein Zuwachs, der trotz aller Freude über die deutsch-deutsche Wiedervereinigung zunächst einmal mit erheblichen finanziellen und organisatorischen Problemen verbunden war. Letztlich ist das SDL aus dieser durchaus schwierigen Phase dank vielen produktiven Diskussionen um Formen, Inhalte und Trägerschaften jedoch gestärkt hervorgegangen. In den folgenden Jahren entwickelte sich das aus einer kleinen Initiative der BAG an die Körber Stiftung herangetragene Schultheaterfestival zu einem sehr erfolgreichen Gemeinschaftsprojekt, für das die Kultusministerien der Länder, die gastgebenden Städte sowie die in den verschiedenen Landesarbeitsgemeinschaften und dem BV TS engagierten TheaterlehrerInnen bis heute Hand in Hand zusammenarbeiten.

Struktur

Aktuell nehmen in jedem Jahr ca. 370 Jugendliche und deren SpielleiterInnen sowie durchschnittlich 200 FachtagungsteilnehmerInnen am SDL teil, dessen Förderung inzwischen – nach dem im Jahr 2011 angekündigten Rückzug der Körber Stiftung – dankenswerter Weise von der Stiftung Mercator übernommen wurde. Strukturell ruht das Festival heute auf insgesamt neun konzeptionellen Säulen (vgl. www.bvts.org sowie Schlünzen 2000), die im Folgenden näher vorgestellt werden sollen:

SÄULEN DES SDL

Säule I: Thematische Schwerpunktsetzungen
Das SDL steht in jedem Jahr unter einem bestimmten für das Theater in der Schule relevanten Thema. Dieser jeweilige thematische Schwerpunkt bildet dabei den Rahmen für sämtliche Programmpunkte des Festivals. So werden beispielsweise die am SDL gezeigten Produktionen u.a. auch im Hinblick auf das jeweilige Schwerpunktthema ausgewählt. Während die in der Festivalstruktur fest verankerte Fachtagung das Thema in theoretischer Hinsicht beleuchtet, wird der thematische Schwerpunkt in Fachforen, Schülernachgesprächen und Werkstätten eher praxisorientiert reflektiert.

Säule II: Aufführungen
Im Zentrum des Schultheaterfestivals steht stets die gemeinsame Rezeption exemplarischer Aufführungen. 16 Gruppen – aus jedem Bundesland eine –, die aus unterschiedlichsten Arbeits- und Schulkontexten (Grund-,Haupt-, Mittel- und Realschulen, Gymnasien, Kollegs, Förderzentren, Projektwochen, Theaterklassen, Arbeitsgemeinschaften, Seminare, Kurse usw.) stammen, erhalten die Gelegenheit ihre Produktionen auf dem SDL zu präsentieren. Wer aus welchem Bundesland teilnehmen darf entscheidet eine fachkundige Jury, die die Produktionen so auswählt, dass sie einen Querschnitt durch das formale und inhaltliche Spektrum des Schultheaters bzw. dessen momentanen Stand wiederspiegeln. Darüber hinaus sollten die ausgewählten Inszenierungen einen wesentlichen bzw. impulsgebenden Beitrag zum jeweiligen Festivalthema leisten, da sie in der Regel den Ausgangspunkt für die reflektierende Auseinandersetzung mit dem aktuellen thematischen Schwerpunkt darstellen.

Säule III: Begegnung und Austausch
Neben dem Zuschauerlebnis bietet das SDL ein vielgestaltiges Angebot von Diskussions- und Praxisforen für alle teilnehmenden Gruppen. Im Mittelpunkt dieser Programmpunkte stehen vor allem die Begegnung, das Kennenlernen sowie der Austausch der FestivalteilnehmerInnen untereinander. In den sogenannten Schülernachgesprächen erhalten die Kinder und Jugendlichen beispielsweise die Gelegenheit persönlich mit den Akteuren der unterschiedlichen Produktionen ins Gespräch zu kommen, sich intensiv mit der Entwicklung und dem Ergebnis der Inszenierungen unter thematischen und formalen Gesichtspunkten auseinanderzusetzen und dabei das eigene Theaterverständnis immer wieder neu auf den Prüfstand zu stellen. In ganztägigen Werkstätten, die sich ebenfalls rund um das jeweilige Festivalthema drehen und die von erfahrenen TheaterlehrerInnen, TheaterpädagogInnen und professionellen TheatermacherInnen geleitet werden, können sich die teilnehmenden Schülergruppen darüber hinaus auf ganz unterschiedlichen Wegen mit dem Festivalthema auf praktische Art und Weise auseinandersetzen. Eine theatrale und kommunikative Einbettung erhält das SDL darüber hinaus nicht zuletzt durch ein vielgestaltiges Rahmenprogramm in Form der Eröffnungs- und Abschlussveranstaltung sowie der allabendlichen Feste, die das gesellige Beisammensein zusätzlich befördern.

Säule IV: Fachdiskurs
In der mit dem SDL verbundenen Fachtagung wird der jeweilige thematische Schwerpunkt vor dem Hintergrund der aktuellen theoretischen theaterwissenschaftlichen und (theater-) pädagogischen Diskurse sowie der Festivalerlebnisse und der eigenen Schultheaterpraxis der Beteiligten entfaltet. Der Fokus liegt dabei zunächst auf allgemeinen Fragestellungen, die dann im Hinblick auf Aspekte der Entwicklung von Schultheater und des Faches Theater diskutiert werden. Vor diesem Hintergrund bietet die Fachtagung ein Fort- und Weiterbildungsforum für LehrerInnen, WissenschaftlerInnen und TheaterpädagogInnen aus dem ganzen Bundesgebiet und leistet damit einen entscheidenden Beitrag zur Qualitätsentwicklung, Qualifizierung und Professionalisierung des gesamten Bereichs des Schultheaters in allen Bundesländern. Ergänzt wird der wissenschaftliche Input durch einen Sachdiskurs im Rahmen sogenannter Fachforen in denen die inhaltlichen Gegenstände der Vorträge auf die gesehenen Aufführungen angewendet werden. Darüber hinaus können die TeilnehmerInnen der Fachtagung praktische Erfahrungen in professionell geleiteten Werkstätten sammeln, die sich thematisch am Schwerpunktthema des Festivals ausrichten.

 

 

Säule V: Einbindung der Bundesländer
Das Schultheater ist Ländersache. In jedem Jahr zeichnet ein anderer Landesverband für die Organisation des SDL verantwortlich und nutzt diese Verantwortung dabei für die stärkere Implementierung des Schultheaters im Bewusstsein der jeweiligen Landespolitik sowie der Öffentlichkeit. Zu diesem Zweck werden beispielsweise immer wieder VertreterInnen der Kultusministerien zu einem Fachgespräch auf das SDL eingeladen. Durch den jährlichen Wechsel des an der Planung und Durchführung beteiligten Landesverbandes erhält das SDL darüber hinaus eine regionale Komponente, die das Festival zusätzlich in formaler und inhaltlicher Hinsicht bereichert.

Säule VI: Kooperation und Förderung
Aufgrund der kontinuierlichen Förderung – zunächst durch die Körber Stiftung, seit Neuestem durch die Stiftung Mercator und deren außergewöhnliches Engagement – wurde und wird das Aktions- und Wirkungsfeld des SDL kontinuierlich erweitert. Diese Partnerschaft setzt vielfältige inhaltliche Impulse und befördert so nicht nur das SDL, sondern das Schultheater im Allgemeinen.

 

 

 

Säule VII: Der Außenblick
Im Zentrum des SDL sollen zwar stets die fachlichen Bedürfnisse des Schultheaters besondere Beachtung finden, dennoch legen die Veranstalter immer auch großen Wert auf die Öffnung des Festivals durch Gastspiele, durch die Einbindung vieler Professionen in die Fachtagung und durch inhaltliche Schwerpunktsetzungen. Darüber hinaus ist das SDL seit jeher ins Netzwerk der verschiedenen Kinder- und Jugendtheaterfestivals (Theatertreffen der Jugend, Treffen der Jugendclubs an Theatern, Deutsches Kinder-Theater-Fest, etc.) eingebunden. Als künstlerischer Wettbewerb ist es außerdem Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft der bundesweiten Schülerwettbewerbe.

Säule VIII: Dokumentation und Publikationen
Seine länderübergreifende Wirksamkeit erhöht das SDL u.a. auch durch eine jährlich erscheinende Dokumentation, die sich ebenfalls am thematischen Schwerpunkt des Festivals orientiert. Die ursprüngliche Publikation in Form einer Handreichung wurde im Jahr 2001 durch die Fachpublikation „Fokus Schultheater“ abgelöst, die seither im Verlag der Körber Stiftung (editionKörber) erscheint. Diese vereint eine Mischung theoretischer und didaktischer Impulse, methodischer Anregungen, beispielgebender Aufführungsanalysen sowie direkt für den Unterricht nutzbarer Materialen und Spielvorlagen. Neben dieser Fachpublikation werden die in den Schülernachgesprächen und Werkstätten erzielten Ergebnisse und angestoßenen Diskussionen zudem in einer von Schülerinnen und Schülern verantworteten Festivalzeitung dokumentiert.

Säule IX: Kontinuität und Flexibilität
In seiner nahezu dreißigjährigen Geschichte hat das SDL seine Grundstruktur auf den ersten Blick bis heute kaum verändert. Dennoch unterliegt das Arbeitstreffen einem ständigen Wandel, der es den jeweils aktuellen Anforderungen gewachsen macht. Die jährlich wechselnden Gruppen, Themen, Veranstalter, Orte und Rahmenbedingungen erfordern stets neue Ideen sowie eine Balance zwischen Kontinuität, Flexibilität und Veränderung. Regelmäßig stehen daher die Zusammensetzung der FachtagungsreferentInnen und WorkshopleiterInnen, die inhaltliche Ausrichtung des Festivals sowie der Fachtagung, die Qualität der gezeigten Produktionen, die Wertigkeit der einzelnen tragenden Säulen, die Zielorientierung sowie der Eventcharakter des SDL auf dem Prüfstand. Vor diesem Hintergrund und gestärkt durch die fachkundige Unterstützung der Stiftung Mercator wird das „Schultheater der Länder“ auch zukünftig kontinuierlich weiterentwickelt und mit Blick auf die anstehenden Erfordernisse modernisiert werden, so dass es auch weiterhin maßgebliche Impulse für das Theater in der Schule setzen kann.

Literatur:
Hübner, Kerstin; Bundesverband Theater in Schulen e.V.: Geschichte und Struktur des Schultheaters der Länder.
(http://www.bvts.org/beta/wp-content/uploads/SdL_Geschichte_Struktur.pdf; Datum: 15.10.2012)
Reiss, Joachim: Vorwort. In: Körber-Stiftung; Bundesarbeitsgemeinschaft Darstellendes Spiel e.V. (Hrsg.):
Theater in der Schule. Hamburg: 2000. S. 12 – 18.
Schlünzen, Wulf: Ein Arbeitstreffen. In: Körber-Stiftung; Bundesarbeitsgemeinschaft Darstellendes Spiel e.V. (Hrsg.):
Theater in der Schule. Hamburg: 2000. S. 19 – 21.
van Kaick, Barbara: Vorwort. In: Körber-Stiftung; Bundesarbeitsgemeinschaft Darstellendes Spiel e.V. (Hrsg.):
Theater in der Schule. Hamburg: 2000. S. 9 – 11.
Text: Tanja Klepacki, Kerstin Hübner & Bundesverband Theater in Schulen e.V.